Samstag, 17. Oktober 2009

2005-11-03 | Rockmusik kann manchmal Leben retten

Kurz vor dem Erscheinen von "REIZWOLF" veröffentlichte die Schülerzeitung DER WECKER ein Interview mit Charly Davidson, das sie bereits im Sommer 2005 geführt hatte.

Wecker: In dem Jahr, in dem ihr erstes Album „KONTAKTAUFNAHME“ erschien, sind viele ihrer heutigen Hörer erst geboren. Warum glauben Sie, finden sich so viele junge Menschen in ihrer Musik wieder?

Charly Davidson: Man muss als Zwanzigjähriger nicht nur die Musik hören, die auch von Zwanzigjährigen gemacht wird. Das ergibt keinen Sinn. Die BEATLES werden ja auch noch von jungen Menschen gehört, die gibt es seit dreieinhalb Jahrzehnten nicht mehr, ganz zu schweigen von Elvis Presley. Dass man als Mensch nur Musik von Gleichaltrigen verstehen würde, das wird zwar manchmal kulturindustriell behauptet, ist aber nicht zutreffend.

Wecker: Hat sich ihr Publikum im Lauf der Zeit mitentwickelt?

Charly Davidson: Natürlich. Meine allererste Platte, die 1982 veröffentlicht wurde, wurde gerade einmal achttausend Mal verkauft. Später habe ich dann goldene Schallplatten bekommen und werde das vielleicht auch in den nächsten Jahren wieder bekommen, die Kriterien hierfür wurden ja mittlerweile herunter gesetzt, das kommt einem dann sehr entgegen. Beim Abschlusskonzert der EXPO 2000, da waren zweitausendfünfhundert Leute da, was für die EXPO als durchaus ungewöhnlich viel galt. Im Gegensatz zum ersten Konzert als Profimusiker, das war 1981, bevor ich den Plattenvertrag hatte, da waren vielleicht fünfzig oder achtzig Zuschauer da. Wenn das anders wäre, dann würde es natürlich auch schwer fallen, das so lange zu machen. Ansonsten würde ich über das Publikum selbst nicht gerne mutmaßen, denn ich kenne die Leute ja nicht. Man ist da auf eine angenehme Weise anonym, aber ist sich doch verbunden.

Wecker: Was empfinden sie für ihr Publikum, ihre Fans, die ihre Historie, ihr Leben kennen, ihnen teilweise verbunden sind über so viele Jahre?

Charly Davidson: Zuerst sind ja alles Individuen und man sollte es sich als Künstler nicht herausnehmen, Fans als Masse zu bewerten. Andererseits ist es schon etwas beängstigend, dass viele Fans vieles über einen wissen, man selbst aber nichts über diese. Ich meine das wertfrei. Wenn ich zum Beispiel Bob Dylan treffen würde, dann wüsste ich vieles über ihn, er aber nichts über mich, was schon für den informativ unterlegenen beängstigend sein kann. Ansonsten liebe ich meine Fans, ich liebe doch alle, alle Menschen.

Wecker: Sie haben ja jahrelang auf den Durchbruch gewartet und sind teilweise am Existenzminimum dahingeschlendert. Was hat Sie durch diese Zeit angetrieben, trotzdem weiterhin Musik zu machen?

Charly Davidson: Das mit dem Schlendern haben Sie schön gesagt - "Schlendern ist Luxus", sagt Ulla Meinecke. Das war in den 70er-Jahren und es hat viel Spaß gemacht. Ich möchte nicht sagen, dass es uns, also meiner damaligen Band und mir, lange schlecht ging. Es sind ja dann auch immer Sachen passiert, die mich weitergebracht haben. Zuerst machte ich Folk-Rock mit Elektromusik-Elementen, dann Politrock und dann literarisches Kabarett. Später gewannen Lukas Linde und ich einen Musikwettbewerb und plötzlich gab es mehr Möglichkeiten und einen Plattenvertrag.

Wecker: Sie haben dann kurz vor dem Ende der 70er auch die Sprache von Englisch auf Deutsch gewechselt, lange bevor das in Mode kam …

Charly Davidson: … und das war auch gut so. Ich hatte zwar schon vorher beides gesungen, aber als Politrocksänger ist es natürlich keine Frage, dass man Deutsch singt. Nach zwei Platten wusste ich, dass sich das dann extrem ausgezahlt hat. Und da habe ich noch keine 50.000 Platten verkauft. Es gibt eben Zeiten, in denen man weniger öffentliche Aufmerksamkeit hat, da kann man nichts machen und da gibt es auch nichts zu verstehen darüber. Auf „Warum“ gibt es keine Antwort, das ist einfach so. Letztendlich ist der entscheidende Punkt, dass einem diese Musiksprache Spaß macht. Ich weiß nichts Besseres und so lange ich das machen und dann noch davon leben kann, bin ich wirklich privilegiert.

Wecker: Hätten Sie sich damals, also 1982 oder 1983, vorstellen können, jemals Headliner auf einem Festival zu sein?

Charly Davidson: Na, das ist ja wohl eine Frage, junger Mann. DAS sind doch genau die Träume, die ein Musiker hat, egal wie klein sein Beitrag in der Hierarchie des Musikbusiness auch ist. Klar, ist das eine schleichende Fortentwicklung. Am Anfang dachten wir, wie toll es wäre, einmal auf einem lokalen Festival zu spielen. Dann spielt man plötzlich dort, und dann auf Festivals in größeren Städten, wo 3.000 Leute als Publikum da sind. Und das ging bei mir eben weiter, bis es 30.000 waren. 30.000, das ging bei uns 1986 los, als wir der Support-Act von Udo Lindenberg waren. Da war das aber dann doch sehr schwierig für mich, denn da wollte man mich nicht. (lacht)

Wecker: Was immer in der Welt passiert, im Charly Davidson-Kosmos geht alles auf. Wie setzten Sie das Leben textlich um?

Charly Davidson: Ganz einfach: wir sind doch Individuen, da kann man doch nichts, was für einen Einzelnen wichtig ist, als unwichtig ansehen. Es ist unser Leben, das Leben jedes einzelnen, das ich beschriebe. Ich will auch keine Songs, die „wir“ sagen oder gar befehlen mit „ihr müsst“. Hör mal in den Text von „Won’t get fooled again“ (Anmerkung: von THE WHO) richtig hinein. Dort, wie stets in der wahren Kunst, geht es um den Einzelnen. Er ist die Seele aller Kunst. „Wenn es einfach wäre, dann wäre es nicht das Leben.“, habe ich meine Kunstfigur Strelitz einmal sagen lassen. Das ist es. Leute bringen sich überwiegend deswegen um. Wegen ihres Lebens. Nicht, weil es sie belastet, dass irgendwo auf der Welt Menschen verhungern.

Wecker: Empfinden Sie die Erwartungshaltungen Ihrer Fans als Druck? Versuchen Sie dieser zu entsprechen?

Charly Davidson: Ich hoffe, ich verrate keine Geheimnis, wenn ich sage, dass ich unter dem Strich auch nur drei oder vier verschiedene Songs habe, die ich immer wieder neu erfinde. Aber das ist eigentlich schon sehr viel für einen Künstler. Schau Dir mal DSDS an, manche Gewinner haben überhaupt keinen Song und der reicht dann immerhin noch für eine Nummer 1 bei den Singles und ein ganzes Album. Und, wie schon gesagt, es gibt ja so etwas wie „die Fans“ nicht. Denn wenn man sagt, dass die Leute eine Erwartungshaltung haben, dann muss man sich fragen, wer denn diese Leute überhaupt sind. Da man nicht wirklich eine Vorstellung über jeden einzelnen hat, und deshalb auch über Erwartungen nichts Gültiges sagen kann, gibt es keine Erwartungshaltung. Manche Leute sagen, sie hätten gerne eine Platte, genau so wie „die von 1982“. Selbst wenn ich das so hinkriegen würde, dann hat eben dieser Hörer mich vielleicht erst zehn Jahre später für sich entdeckt, in einer gewissen Situation mit der diese Platte für ihn für immer verbunden ist und ginge dann mit völlig falschen Erwartungen in die neue Platte. Solche Fan-Vorgaben sind eben deshalb gar nicht zu bewältigen und wenn man damit nicht umgehen kann, dann kann man das gleich vergessen. Es gibt eine einzige Band, und die heißt auch noch STATUS QUO, da ist alles immer gleich. Für mich ist das nichts. Rockmusik hat zwar nicht die Größe, die Welt zu verändern, aber sie kann manchmal Leben retten und in Deutsch können meine Fans ihre Lebensrettungshilfen an optimalsten verstehen.

Wecker: Sie haben ja auch neben ihrer Musik auch andere Projekte gemacht, wie etwa Bücher geschrieben. Kann man denn da Neues von Ihnen erwarten?

Charly Davidson: Ich schreibe gerade einen neuen Roman, der wahrscheinlich nächstes Jahr erscheinen wird - wenn er mir gelingt. Es kann ja auch sein, dass ich das dann nicht gut finde und mich dann gegen eine Veröffentlichung entschließe. Sonst wären ja die schlechten Kritiken gar nicht auszuhalten. Wenn man etwas selbst für gut befindet, dann ist es ja in Ordnung, außer, dass man den Rezensenten dann hasst. Aber wenn man selbst nicht überzeugt ist und dann bekommt man schlechte Kritiken, dann kommt auch noch die Scham dazu. Und das ist ja die schlimmste Scheiße, die passieren kann.

Wecker: Sie betonen ja oft, dass die Figuren in ihren Liedern und Büchern nicht Sie selbst sind. Aber auf dem Album „Inkar-Nation“ zum Beispiel gibt es den Song „Heimatkunde“, bei dem es nicht schwer fällt, sofort an Sie zu denken.

Charly Davidson: Auf gewisse Art und Weise schon, denn ich verbringe ja viel Zeit mit mir. (lacht) Aber ich bin eigentlich vom Typ her mehr wie andere Charaktere in meinen Songs. Ein Typ wie ich es selbst bin, ist als Song- oder Romanheld für mich uninteressant, denn da kann mich nichts mehr überraschen, ich kenne mich ja schon. Da brauch ich nichts darüber zu schreiben, das ist ja langweilig.

Dienstag, 13. Oktober 2009

2002-05-17 | Auferstehung Light

Zum inszenierten Tod Charly Davidsons im Mai 2002 schrieb damals SPIEGEL ONLINE unter dem Titel "Auferstehung Light - oder: Sterben ohne tot zu sein":

(...) Rock-Chamäleon Charly Davidson: Vor zwei Jahren löste sein Albumtitel "Die letzte Ölung" bei Fans wie Kritikern Befremdung aus. Dieses Frühjahr war es die Meldung seiner Plattenfirma, sein neuestes Album würde im Sommer unter dem Titel "Begräbnis" erscheinen. Dies ist seit letzten Freitag, als RTL in einer Filmdoku Davidsons Tod meldete und seiner überraschenden Rückkehr ins Reich der Lebenden am gestrigen Montag, nicht mehr ganz so sicher: sein Label GLOBA prüft derzeit nach eigenen Angaben eine sofortige Kündigung des Plattendeals mit Charly Davidson, der immerhin seit fast 18 Jahren läuft.

Über drei Alben konzipiert ist die intellektuelle Todestrilogie Davidsons plus einem Zwischenakt 'Ich bin tot und das kam so' letzte Woche im Privatfernsehen. Das Ganze hat den Look einer Produktion die als Miniserie designt wurde. Ohne jeden Zweifel ist sie lang und düster. Aber vielleicht nicht zu lang oder zu düster für eine Geschichte, die des Todes der Menschheit gedenkt. Spannend daran ist natürlich, wie sie enden wird und vor allem wann.

Auf jeden Fall ist Davidson mit dem über die TV-Plattform dctp (ohne Wissen und Kenntnis ihres Mentors Alexander Kluge, wie dieser gestern betonte) ausgestrahlte Inszenierung des eigenen Todes zu weit gegangen. Empörung und Protest formiert sich überall, wobei die BILD sogar unerwartete Unterstützung durch die taz erfährt. Aber auch die Künstler-Kollegen reagieren genervt. André Heller, auf Davidsons Inszenierung angesprochen, reagierte noch am souveränsten und spottete. "Dazöö ma kane Schmäh!, sagt ma in Österreich. Für mich ist der Tod ein großer Animateur, nicht der Mensch. Jeder der weiß, dass Lebenszeit begrenzt ist, der wäre gut beraten, sie kreativer zu nutzen. Es ist ja lächerlich, sich mit dem einzigen, das gewiss ist im Leben, anzulegen. Jeder Mensch hat es am Schluss geschafft zu sterben, da sind solche Späße überflüssig. Der Herr Davidson wird den Tod auch noch irgendwann einmal schaffen.“ sagte er bei RTL. (...)

Donnerstag, 8. Oktober 2009

1995-01-28 | Wieviel Davidson steckt in Karl David Korff?

MoPo-Bühne
KARL DAVID KORFF LIVE „Einhundert Tage in drei Wochen“
Von Jonas E. Prinz

Er ist einer der facettenreichsten deutschen Musiker. Einer, der seine Sprache liebt, der voller Poesie und gleichzeitig auch bitter ernst sein kann, einmal Klamaukist dann wieder hemmungslos kritisch. Seit bald zwanzig Jahren steht er als Charly Davidson auf der Bühne, ist "Liederpoet und Rockmacher", aber gestern Abend kam er ganz bürgerlich als Karl David Korff ins ZWICK. Und machte - wenn es dann sein mußte - auch mal den Popstar.

Vor allem aber ist Korff heute scharfzüngiger Berichterstatter des ur-deutschen Alltags im Kleinen wie im Großen, seziert den Irrwitz unserer Welt und sind dazu eingängige Lebensballaden
. Nun hat der ach international erfolgreiche Musiker ("Lounge Musik") im letzten Jahr seiner Rockband abgeschworen und zieht nur noch mit Musikerfreund Helmut Prosa durch Clubs und Theater. Aber was heißt hier nur! Der phänomenale Gitarristen und Keyboarder aus der Steiermark zelebriert zusammen mit Korff eine eigenwillige Mixtur aus literarischem Kabarett, Elektromusik, Folk und Rock, wie jetzt beim ebenso ausverkauften wie beklatschten Hamburger Gastspiel im ZWICK.

"
Es wird noch schlimmer kommen", prophezeit er in einem frischen Text zu Beginn den anwesenden "Wegstreckenbegleitern", als er die "Verbotene Liebe" anspricht, eine deutsche TV-Seifenoper, die seit dem 2. Januar montags bis freitags im Ersten Programm ausgestrahlt wird, und singt dazu als erstes mit "Ich bin nicht verliebt" seine Version des 10CC Klassikers "I'm Not In Love". Dann liest er neue Texte über sein Alter Ego namnes Strelitz vor, stellt neue Songs wie "Schluß mit Lustig" oder "Walverwandschaften" vor.

Und natürlich schöpft Korfff aus seinem reichhaltigen Charly-Davidson-Repertoire und singt alte Erfolge in neuer Unplugged-Instrumentierung. Dadurch gewinnen Stücke wie "Dolmetscher" oder "Querulantensäue" völlig neues Format. Der alte Kracher "Odysseus" wird zu einer gut viertelstündigen Mini-Oper mit Prosaeinlagen und Session-Charakter, bei dem sich Prosa einmal virtuos austoben kann. Und Balladen wie "Niemand weint (so schön wie du)" oder die aufgewühlte "Kontaktaufnahme", die Korff/Davidson als 22-Jähriger geschrieben hat, leuchten vor Intimität.


Karl David Korff ist einer, der (egal ob im eigenen Namen oder unter Pseudonym) immer sein Ding macht, egal wohin ihn das führt, schon deshalb kann es nicht immer gut gehen mit dem Massenerfolg in größten Konzerthallen. Jetzt hat sich nun für die theatralische Kabarett-Variante entschieden und folgerichtg fehlt "Keiner liebt dich, wieso ich?", sein größter Pop-Erfolg, in diesem Programm.

Dafür steht am Ende des Abends und am Ende eines ausufernden Zugabenteils eine lustvolle Hommage an Korffs Helden wie Marc Bolan oder U2 mit "Mit oder ohne" und "Monicacinom". Da steht das ganze ZWICK schon längst - und jubelt, als sei's das letzte Mal. Und hat noch etwas gelernt dabei, mal leicht-flockig, etwa daß "Monicacinom" die deutsche Version des T. Rex-Klassikers "Deboraharobed" ist, mal tiefsinnig, nämlich daß U2-Frontmann Bono in „With Or Without You", dem Vorbild für Korffs "Mit oder ohne", darüber singt, daß Bono sich manchmal bei U2 ausgesetzt fühle. Und das sei der Grund, warum er, Korff, derzeit ohne seine Band durch die Lande tingele.

Und schon ist es wieder da, das Gefühl, daß dieser Mann in der deutschen Musikszene etwas ganz Besonderes ist - egal unter welchen Namen auch immer.